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Nichts Neues

Nichts Neues im Februar 2026

    Weil ich es nicht besser könnte: Heute einmal nicht von mir.

    Was empfinden Sie als schön? Dazu fällt Ihnen sicherlich so manches ein. Ganz bestimmt nicht nur Sichtbares.

    Wir alle erleben die Welt mit vielen Sinnen. Das ist nichts Neues. Und dennoch, wenn es um das Sehen geht, passiert es immer wieder, dass Menschen glauben, die Bilder, Eindrücke und Erlebnisse, die man sich schafft, wären ohne irgendwie nicht vollwertig.

    Susanne Buchner-Sabathy hat für den Literaturwettbewerb „200 Jahre Brailleschrift – Gemeinsam mehr sehen!“ des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Österreich einen Text darüber geschrieben, wie bereichernd es ist, mit allen Sinnen wahrzunehmen, und wie unwichtig es eigentlich ist, welchen Anteil das Sehen daran hat:

    Was willst du wissen von der Welt?

    Dass die Wiese grün ist? Wie die Silhouette des Baumfalken durch den Himmel pfeilt? Wie die Glut des Sonnenuntergangs das Herz weitet?

    Weißt du, was die Wiese meinen Füßen erzählt? Wie saftig oder wie raschelnd die Gräser sind? Wie die schrundige Rinde des Apfelbaums meinen Fingerspitzen von Wintern und Sommern erzählt? Wie sich der Schrei des Baumfalken unterscheidet von dem des Turmfalken, des Reihers, der Weihe? Willst du wissen, was mir das Herz weitet?

    Wie fühlt sich das Geglucker in der Regenrinne an? Wie klingt ein Sonnenuntergang? Und wie ein Sonnenaufgang? Wie schmeckt das Grün? Kann man Himmelblau riechen? Kann man auf der Welt irgendetwas sehen, das so schön ist wie Wasser, das über deine Hände fließt? Wie beschreibst du schmelzende Schokolade auf deiner Zunge? Wenn dein Kind nicht bei dir ist, wo in deinem Körper spürst du seine Stimme?

    Was hörst du, wenn du ein japanisches Schriftzeichen malst? Was siehst du, wenn du deine Musik hörst? Weißt du, wie schön das Wort „Liebe“ in Brailleschrift sich anfühlt?

    Was du in meinen Augen siehst, seh‘ ich in deiner Stimme, in deinem Atem, auf deiner Haut. Zeig mir deine Traurigkeit, zeig mir deine Lust. Ich zeig dir meine. Gemeinsam sehen wir mehr.

    Kontakt

    Spricht Sie der Text auch so an wie mich? Schreiben Sie mir gerne Ihre Gedanken darüber per E-Mail an do@wortklaviatur.at oder geben Sie Susanne Buchner-Sabathy direkt Feedback per E-Mail an office@sabathy.at

    Nichts Neues im Jänner 2026

      Wohl überlegt und gut gereift: Dankesworte an den BSVÖ

      Letzten September habe ich die silberne Ehrenmünze des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Österreich, kurz BSVÖ, erhalten. Angemessene Dankesworte hätten die Menschen bei der Verleihung um ihre Mittagspause gebracht. Hier können Sie sie nachlesen, wenn, wann und wo Sie wollen.

      Ich gebe zu, ganz taufrisch ist diese Nachricht nicht mehr. Was für eine glückliche Fügung, passt sie doch damit hervorragend in die Reihe „Nichts Neues“.  Aber genug schöngeredet, lassen Sie mich „Danke“ sagen.

      Irgendwo muss ich anfangen

      Und am besten mache ich das am Anfang. Der war, wenn wir vom BSVÖ, der damals noch ÖBSV hieß, und mir sprechen, vor mittlerweile fast 15 Jahren. Meine Einschulung bestand in den Worten: „Das ist Ihr Büro, machen Sie was draus.“ Wer hätte gedacht, dass ich das wirklich würde? Ich jedenfalls nicht.

      Rückblickend habe ich tatsächlich einiges erreicht. Und das kann ich deshalb so schamlos unbescheiden sagen, weil es nicht nur mein Verdienst ist. Sicher, ich habe eine ziemlich unerschütterliche Leidenschaft mitgebracht, die ich gar nicht kleinreden möchte. Allein damit hätte ich aber nicht viel ausrichten können.

      Gemeinsam geht‘s

      Wenn ich während meiner Zeit beim BSVÖ erklärt habe, was ich eigentlich so mache, bin ich immer ziemlich schnell auf das GMI, das Gremium für Mobilität und Infrastruktur, zu sprechen gekommen. Warum? Ohne mein Team dort hätte ich im Grunde gar nichts machen können. Meine zentrale Aufgabe im BSVÖ bestand nämlich darin, zu vermitteln, was blinden Menschen und Menschen mit Sehbehinderungen ermöglicht, mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie Menschen ohne Behinderungen durchs Leben zu gehen. Aber woher hätte ich wissen sollen, worauf es dabei ankommt?

      In meiner Ausbildung hatte ich kaum etwas darüber erfahren, selbst habe ich keine Sehbehinderung – und auch, wenn ich eine hätte, wüsste ich noch lange nicht, was andere Menschen mit Sehbehinderung oder Blindheit wollen und brauchen. Gut, so allgemeingültig konnten das die Kolleg:innen im GMI natürlich auch nicht. Aber ihre unterschiedlichen persönlichen und fachlichen Perspektiven und Erfahrungen und vor allem die Gemeinsamkeiten, die wir miteinander herausarbeiten konnten, haben es möglich gemacht, einiges besser greifbar zu machen und dementsprechend klar zu kommunizieren – zum Beispiel in der Normungsarbeit, bei der Beratung von Planer:innen und bei ganz vielen anderen Gelegenheiten.

      Sicherer Hafen

      Vertrauen ist etwas Schönes, aber es kann auch ganz schön viel Druck bedeuten, wenn sich Menschen oder sogar eine ganze Organisation darauf verlassen, dass man ihre Interessen in ihrem Sinne vertritt, und man in einem wichtigen Bereich mehr oder weniger allein dafür verantwortlich ist, Verbesserungen zu erreichen. Im BSVÖ wurde mir ganz viel Vertrauen entgegengebracht – mit den Jahren immer mehr. Und ich habe den Eindruck, ich habe es auch nicht verloren, als ich mich selbständig gemacht habe. Vertrauen vom GMI-Team, Vertrauen vom Präsidenten, Vertrauen von den Obleuten und – zumindest hoffe ich das – Vertrauen von den Mitgliedern, soweit sie mitbekommen haben, dass es mich gibt und was ich tue. Wie gesagt, so etwas bringt viel Verantwortung mit sich und ist mitunter belastend. In erster Linie hat es mir aber Rückhalt gegeben und die Möglichkeit, selbstbewusst aufzutreten. Das tut es bis heute und dafür bin ich unendlich dankbar.

      Wie eine Familie

      Teil einer Familie zu sein hat nicht nur gute Seiten – da erzähle ich Ihnen bestimmt nichts Neues. Es kann viel Sicherheit und Geborgenheit mit sich bringen, aber auch viele Verpflichtungen und das Gefühl, ihnen um jeden Preis nachkommen zu müssen. Beim BSVÖ, besonders in der Dachorganisation, ist es immer sehr familiär zugegangen. Ich habe das extrem geschätzt und finde es auch jetzt noch sehr wertvoll, dass ich – genau wie in meiner eigentlichen Familie – auch lange, nachdem ich „ausgezogen“ bin, immer noch irgendwie dazugehören darf.

      Ich glaube, wenn man den BSVÖ nur von außen kennt, stellt man sich darunter einen riesigen Betrieb mit Unmengen an Personal und Ressourcen vor. Es ist mir ein Anliegen, dieses Bild sanft, aber bestimmt umzuwerfen. Und zwar nicht, um Ihre Vorstellung von der Bedeutung des BSVÖ zu schmälern, sondern ganz im Gegenteil.

      Wenn Sie sich den BSVÖ vorstellen, sollten Sie an vergleichsweise wenige Menschen denken, die Tag für Tag alles geben. Manche sind angestellt, manche sind Mitglieder, manche beides. Manche bekommen für ihr Engagement Geld, viele engagieren sich komplett ehrenamtlich. Unabhängig davon gehen sie alle an ihre Grenzen und setzen sich für die Interessen blinder und sehbehinderter Menschen unermüdlich und nach bestem Wissen und Gewissen ein. Kurzum: Sie alle verdienen eine Auszeichnung. Und wenn es keine Ehrenmünze ist, dann auf jeden Fall unser aller Anerkennung.

      Kontakt und etwas zum Weiterlesen

      Eigentlich habe ich mich selbständig gemacht, um hauptberuflich ausschließlich zu schreiben. Der BSVÖ gibt mir immer wieder Gelegenheit, über seine Kanäle Artikel zu verbreiten, sofern sie inhaltlich dazu passen. Nachdem ich mich nach wie vor doch viel mit Barrierefreiheit beschäftige, ist das meist gar nicht so schwierig. Anlässlich meiner Auszeichnung durfte ich in einem Interview für den „Durchblick“, die Verbandszeitung des BSVÖ, ein bisschen über Barrierefreiheit und die Entwicklungen in den letzten zehn Jahren plaudern. Auf der Webseite des BSVÖ können Sie die Ausgabe des „Durchblick“ mit dem Interview mit mir nachlesen.

      Der heutige Artikel gibt zwar vielleicht keinen konkreten Anlass, aber natürlich freue ich mich immer, wenn Sie mit Fragen oder Sonstigem per E-Mail Kontakt mit mir aufnehmen: do@wortklaviatur.at

      Nichts Neues im Mai 2024

        Weniger ist mehr: Weniger Aufmerksamkeit, mehr Selbstverständlichkeit

        Heute ist der dritte Donnerstag im Mai und damit Global Accessibility Awareness Day. Weltweit machen Institutionen und Organisationen darauf aufmerksam, wie wichtig digitale Barrierefreiheit und Inklusion sind. Mein Wunsch zum Aufmerksamkeitstag ist weniger Aufmerksamkeit.

        „Das war’s, den Blödsinn tu‘ ich mir nicht an“, denken Sie sich jetzt vielleicht. Aber ich bitte Sie: Geben sie mir eine Chance, bevor Sie das Gerät an die Wand werfen, auf dem Sie das hier gerade lesen. Warum sollten Sie das tun? Erstens: Das Gerät kann nichts dafür. Und zweitens: Sie kennen mich. So, wie das klingt, kann ich es doch nicht meinen. Aber wie meine ich es dann?

        Was weiß ich, wer Sie sind

        In meiner Idealvorstellung sind Sie, die Leser:innen meiner Artikel, eine ganz vielfältige Gruppe von Menschen mit verschiedensten Eigenschaften, Fähigkeiten, Erfahrungen, Sichtweisen, Vorlieben, Interessen, Gewohnheiten und vielem mehr. In einigem unterscheiden Sie sich wahrscheinlich voneinander. Bestimmt haben Sie auch so manche Gemeinsamkeit. Eine davon kann ich sogar erahnen: Sie interessieren sich, aus welchen Gründen auch immer, für die Themen, über die ich gerne schreibe. Das haben Sie übrigens auch mit mir gemeinsam.

        Noch mehr Gemeinsamkeiten

        Wenn wir schon beim Lesen von Artikeln wie diesem sind: Auch da gibt es vieles, das uns allen gleichermaßen bekannt vorkommt. Wir lesen solche Texte auf Geräten wie einem PC, einem Tablet oder einem Smartphone – womöglich sogar auf ähnlichen Modellen mit der gleichen Software.

        Wir alle erwarten uns, dass die Geräte tun, was wir von ihnen wollen. Wir alle haben unsere eigene Routine dabei, sie zu nutzen. Wir schätzen digitale Medien für die Möglichkeiten, die sie uns eröffnen, für die Informationen, die sie uns zugänglich machen, für die Wege, die sie uns ersparen.

        Wir wollen uns darauf verlassen können, dass sie all das tun. Wir genießen es, ein Informationsblatt überall auf Knopfdruck herunterladen und lesen zu können, an Besprechungen und Fortbildungen vom Wohnzimmer aus teilzunehmen und zwischendurch den Wocheneinkauf im online Shop zu erledigen, die nächste Reise zu planen und am Bankkonto zu überprüfen, ob sich das alles ausgeht.

        Wir ärgern uns, wenn wir in einem Dokument anstatt der erwarteten interessanten oder gar wichtigen Informationen nur eine Fehlermeldung finden, wenn wir in der Videokonferenz-Software das Mikrofon nicht ein- und ausschalten können, wenn wir im Webshop ewig nach einem Produkt suchen müssen, wenn wir bei der Ticketbestellung die Reisedaten nicht eingeben können oder wenn beim E-Banking die Schaltfläche zum Einsehen des Kontoauszugs nicht reagiert. Mitunter ärgern wir uns nicht nur, sondern sind verunsichert oder verzweifeln.

        Wie kommen Sie dazu?

        Zurück zum Artikel und wie wir ihn lesen: Bei allen Gemeinsamkeiten, einiges ist dabei auch verschieden. Zum Beispiel nehme ich an, dass viele von Ihnen den Text über Kopfhörer anhören oder vielleicht auch auf der Braillezeile ertasten. Ich selbst lese ihn meistens vom Bildschirm ab, denn das fällt mir am leichtesten.

        Bestimmt haben Sie auch unterschiedliche Gründe, aus denen Sie den Artikel lesen. Vielleicht haben Sie die Erfahrung gemacht, dass Sie in meinen Texten hin und wieder Informationen finden, die Ihnen in Ihrem persönlichen Alltag weiterhelfen. Möglicherweise interessieren Sie sich für barrierefreie Gestaltung und eine Suchmaschine hat sie hergeführt. Oder Sie waren in einer meiner Lehrveranstaltungen und sind dem dezenten Hinweis auf weiterführende Informationen in meinem Blog gefolgt.

        Wie auch immer Sie dazu gekommen sind: Ich freue mich natürlich sehr, Sie zu meiner Leserschaft zählen zu dürfen. Und dennoch: Reibungslose Abläufe und entspannte Nerven sind ganz offensichtlich allen Menschen ein Bedürfnis. Barrierefreie Gestaltung – oder schöner: Universal Design – trägt maßgeblich dazu bei. Das ist nichts Neues. Warum fühlen sich trotzdem nur vergleichsweise wenige Menschen von dem Thema angesprochen? Warum schiebt man es so gerne in Richtung Nische?

        So war es gemeint

        Bewegen wir uns wieder weg von meinen Artikeln, denn die sollten eigentlich nur als eines von vielen Beispielen dafür herhalten, worauf ich hinauswollte: Die große Barriere, die der Barrierefreiheit entgegensteht, ist in gewisser Hinsicht zu viel Aufmerksamkeit.

        Und zwar die Art von Aufmerksamkeit, die Menschen mit Behinderungen als eine Gruppe hervorhebt, für die man spezielle Maßnahmen treffen muss. Maßnahmen, die im Vergleich zu dem, was als „normal“ anerkannt ist, einen erheblichen Mehraufwand bedeuten. Einen Mehraufwand, den man unter Umständen auch durchaus zu leisten bereit ist, aber nicht ohne deutlich darauf aufmerksam zu machen, dass es sich dabei um einen Gefallen handle, den man einer eigentlich kleinen Randgruppe tue.

        Solange diese Auffassung vorherrscht, ist es schon wichtig, das Bewusstsein auf Themen wie Inklusion und Barrierefreiheit zu lenken. Denn noch schlimmer als zu viel Aufmerksamkeit ist Gleichgültigkeit. Das Ziel sollte aber sein, dass die Anforderung, barrierefrei zu gestalten, keine besondere Aufmerksamkeit mehr erregt, sondern ganz selbstverständlich umgesetzt wird und niemand sich mit weniger zufrieden gäbe – für sich selbst nicht und schon gar nicht für andere.

        Kontakt

        Wie stehen Sie dazu? Legen Sie Wert darauf zu betonen, dass barrierefreie Gestaltung in erster Linie für Menschen mit Behinderungen da ist? Können Sie dem Wunsch etwas abgewinnen, stattdessen das Spektrum dessen, was als „normal“ betrachtet wird, zu erweitern? Oder fällt Ihnen dazu überhaupt etwas ganz anderes ein? Wenn Sie Lust haben, teilen Sie Ihre Gedanken mit mir in einer E-Mail an do@wortklaviatur.at

        Nichts Neues im April 2024

          Was ich will, entscheide ich:
          Gegen Irreführendes im Internet

          Einmal kurz nicht aufgepasst, und schon bezahlen Sie für etwas, das Sie nie haben wollten. So etwas kann zum Beispiel beim online Einkaufen leicht passieren. Seit 17.2.2024 darf es das aber nicht mehr. Und zwar niemandem.

          Eigentlich wollte ich mich ja schon Anfang des Jahres mit meinem eigenen Blog bei Ihnen zurückmelden. Der Umstand, der mich daran gehindert hat: Ich war krank. So krank, dass ich kaum arbeiten konnte – im Homeoffice nicht und im Haushalt genauso wenig. Einkaufengehen war die meiste Zeit ein Ding der Unmöglichkeit, Kochen für die Familie Tag für Tag eine Herausforderung. So unangenehm das alles war, wenigstens ein Gutes hatte die Sache: Das Thema für den Artikel, den Sie gerade lesen, ist mir wie von selbst in die Hände gefallen. Und zwar, als ich für ein Abendessen irrtümlich viel zu viel bestellt und noch mehr bezahlt habe.

          Selbst schuld?

          Die App, mit der man sich via Smartphone Essen aus verschiedensten Restaurants liefern lassen kann, hatte ich schon öfters genutzt. Mit den Abläufen war ich vertraut. Inmitten von knurrenden Mägen, murrenden Kindern und meinem brummenden Schädel habe ich mich darauf gefreut, alles flott hinter mich bringen zu können und die nächste Dreiviertelstunde in Ruhe dem Essen entgegendösen zu dürfen. Stattdessen habe ich den restlichen Abend lang vor allem eines gemacht: mich geärgert. Als ich nämlich nach der verbleibenden Lieferzeit schauen wollte, stellte ich mit Erschrecken fest: Zu jedem Hauptgericht hatte ich, ohne es zu bemerken, ein Getränk und eine Nachspeise bestellt. Stornierungsversuche sowohl beim Betreiber als auch direkt beim Restaurant waren zum Scheitern verurteilt. Das Fatale war: Als ich den Fehler bemerkte, hatte ich die Bestellung bereits bezahlt. Damit hatte ich dem Vertrag zugestimmt. AGBs sind AGBs, was soll man machen? Und so sehr ich mich auch betrogen und verhöhnt fühlte, musste ich mir doch eingestehen: Ich hätte die Rechnung eben vor dem Bezahlen kontrollieren müssen. Dann wäre das alles nicht passiert.

          REingefallen

          Doch bei aller berechtigten Empörung über die eigene Blödheit, so einfach ist die Sache auch wieder nicht. Das erfuhr ich, als ich mich nach einer schlaflosen Nacht an die Arbeiterkammer wandte. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass man mir die ungewollten Artikel bewusst untergejubelt hatte. Und tatsächlich: Womit ich es hier zu tun hatte, hat sogar einen Namen.

          Prozesse, die so gestaltet sind, dass sie Verbraucher:innen gezielt zu bestimmten, Entscheidungen oder Verhaltensweisen verleiten, ehe sie erkennen können, dass sie für sie vielleicht gar nicht vorteilhaft sind, nennt man „Dark Patterns“, also „dunkle Muster“. Ein klassisches Beispiel dafür, dem Sie sicherlich auch schon begegnet sind, sind Cookie-Dialoge. Oft ist die Schaltfläche „Alle Cookies akzeptieren“ ganz prominent und unübersehbar im Vordergrund, während andere Optionen, wie zum Beispiel „Nur technisch notwendige Cookies akzeptieren“, klein und grau am Rand darauf hoffen, nicht entdeckt zu werden. Die Erwartung dahinter ist, dass Sie den einfachsten Weg auf die Seite, zu der Sie eigentlich wollten, wählen, ohne lange zu überlegen, welche Vor- und Nachteile die Cookies für Sie haben könnten. Und meist passiert auch genau das.

          DAs gute alte Kleingedruckte

          Die Falle, in die ich bei der Essensbestellung getappt bin, arbeitet mit einem ganz ähnlichen Trick: Die grafische Gestaltung sorgt dafür, dass auffällt, was auffallen soll, und alles andere quasi verschwindet. Hat man eine Speise gewählt, kann man in einem Menü kostenlose Optionen wie „mild“, „mittel“ oder „scharf“ ankreuzen. Dass im selben Menü weiter unten auch kostenpflichtige Artikel wie Getränke, Beilagen und Desserts angeboten werden und einige davon standardmäßig ausgewählt sind, sieht man zunächst nicht. Um es zu bemerken, müsste man hinunter scrollen. Dazu hat man aber, wenn man sowieso nichts dazu bestellen möchte, keine Veranlassung. Und so ist man direkt froh über die schön auffällige Schaltfläche am unteren Bildschirmrand, mit der man die Speise in den Warenkorb legen kann.

          Dort, im Warenkorb, liegt dann alles ganz korrekt – auch das Unerwünschte. Das Problem ist aber: Wirklich auffallen tut es noch immer nicht, denn es ist ganz dezent in zarter, kleiner, grauer Schrift im Fließtext unterhalb der Speise angeführt, zu der es sich dazu geschummelt hat. Der Preis ist freilich ein höherer, als bei dieser Speise auf der Speisekarte angeführt ist. Aber wer ist schon so misstrauisch, das noch einmal zu vergleichen. Ich war es leider nicht.

          Gekonnt versteckt, bewusst manipuliert

          Lasse ich den Ärger einmal beiseite, fällt mir etwas Interessantes auf: In Marketing und Werbung bedient man sich oft derselben Methoden wie in der barrierefreien Gestaltung von Informationen. Zum Beispiel nutzt man gute Kontraste und gut leserliche Schrift, um sicherzugehen, dass niemand übersieht, was man zeigen möchte. Man schreibt Texte so, dass alle sie leicht verstehen können. Und man gestaltet Prozesse, wie zum Beispiel das Abschließen eines Vertrags oder den Kauf eines Produktes, so unkompliziert wie möglich, sodass alle sicher und schnell ans Ziel kommen.

          Das alles ist nichts Neues. Bei den Dark Patterns geht man noch weiter: Was niemand lesen soll, versteckt man durch kleine, schlecht leserliche Schrift. Was niemand zu genau verstehen soll, formuliert man möglichst kompliziert. Den Weg zum Abmelden und Stornieren von etwas gestaltet man langwierig und mühsam. Gerne setzt man die Nutzer:innen zusätzlich mit Meldungen wie „Nur mehr 2 auf Lager“ unter Druck, Entscheidungen besonders schnell treffen zu müssen.

          Eines ist klar: Wer solche Mittel einsetzt, weiß ganz genau, was Informationen gut zugänglich macht und was nicht.

          Keine Frage von Kulanz

          Zurück zu meiner Annahme, ich hätte eben genauer schauen müssen: Vor diesem ganzen Hintergrund der gezielten Manipulation, ist es wirklich fair, die ganze Verantwortung bei mir selbst zu sehen? Seit ich über Dark Patterns Bescheid weiß, weiß ich, dass es das nicht ist. Und ich weiß, dass die Gesetzgebung das auch so sieht. Das ist nicht einmal so neu: Laut Information des Vereins für Konsumenteninformation sind solche manipulativen Praktiken schon gemäß Datenschutz-Grundverordnung und Bundesgesetz gegen unlauteren Wettbewerb nicht zulässig. Mit dem Digital Services Act ist nun auch ein europaweit gültiges Gesetz in Kraft, das Dark Patterns explizit verbietet. Verstöße dagegen kann man der KommAustria melden. Interessant wäre, inwieweit man auch auf Basis von Web-Zugänglichkeits-Gesetz und Barrierefreiheitsgesetz gegen Dark Patterns vorgehen kann, indem man die Verstöße gegen digitale Barrierefreiheit aufzeigt.

          Gleiches Recht für alle

          Dass man sich nicht für so dumm verkaufen lassen muss, wie man sich vielleicht nach einem Erlebnis wie dem, von dem ich Ihnen erzählt habe, fühlt, ist schon einmal gut zu wissen.

          Als Verfechterin des sogenannten Universal Design bin ich aus einem weiteren Grund fast froh, dass ich dazu gezwungen war, mich näher mit Dark Patterns auseinanderzusetzen: Sie sind ein großartiges Beispiel dafür, welche wichtige Rolle digitale Barrierefreiheit für alle Menschen spielt, um ohne Ärger durch die digitale Welt spazieren zu können. Das Recht auf Barrierefreiheit betrifft uns also alle unmittelbar und hat in Nischen nichts zu suchen.

          Kontakt

          Haben Sie sich auch schon einmal über etwas geärgert, das Sie jetzt als Dark Pattern erkennen? Schätzen Sie sich vielleicht gerade glücklich, dass Sie am Computer mit dem Screenreader unterwegs sind und ausnahmsweise von den absichtlich eingebauten grafischen Barrieren unberührt bleiben? Oder finden Sie, Manipulation hin oder her, man muss schon auch selbst denken und Verantwortung für die eigenen Handlungen übernehmen? Schreiben Sie mir eine Mail an do@wortklaviatur.at – ich bin gespannt, auf welche Gedanken Sie meine Überlegungen bringen!