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Worte für Erich Schmid: Weil er das hier gelesen hätte.

    Im Dezember ist Erich Schmid gestorben. Vorgestern war ich bei seinem Gedenkgottesdienst. Höchste Zeit, ein paar Zeilen – oder auch etwas mehr – zu schreiben.

    Als ich von Erichs Tod gehört habe, war mein erster Impuls: Ich schreibe einen Nachruf. Doch dann war ich verunsichert. Steht mir das überhaupt zu? Dränge ich mich damit in einen Mittelpunkt, in dem ich nichts zu suchen habe? Könnte es mir jemand übelnehmen, dass ich mir einbilde, es wäre wichtig, was ich über Erich zu sagen habe? So habe ich hin und her überlegt. Ganz verwerfen wollte ich die Idee nicht, aber zum Schreiben durchringen konnte ich mich auch nicht. Tage sind vergangen, Wochen, mittlerweile sogar mehr als ein Monat. Und heute denke ich: Wenn nicht jetzt, dann nie. Nicht, weil ich glaube, es wäre objektiv wichtig, was ausgerechnet ich zu sagen habe, sondern weil es mir wichtig ist, etwas von Erich mit Worten festzuhalten.

    Zu behaupten, wir wären einander besonders nahegestanden, wäre nicht richtig, vielleicht sogar anmaßend. Es gibt ganz viel, was ich über Erich Schmid nicht wusste. Eckdaten, die man über Freunde, auch die nicht ganz engen, normalerweise schon weiß. Es gibt mindestens genauso viel, was Erich über mich nicht wusste. Und trotzdem, in dem Kontext, in dem wir einander gekannt haben, war unser Umgang miteinander freundschaftlich, vertraut und – so seltsam das klingen mag – so vollständig, dass man gar nicht das Bedürfnis danach hatte, nach irgendwelchen anderen Details zu fragen.

    Der Kontext, von dem ich spreche, war ein beruflicher. Als ich beim Blinden- und Sehbehindertenverband Österreich zu arbeiten begonnen habe, war Erich dort schon längst die Institution, als die ihn auch jetzt so viele in Erinnerung haben. Kennengelernt habe ich ihn bei einem meiner allerersten Projekte. Er hat mir dabei geholfen, im BBI Schülerinnen und Schüler zu finden, die bereit waren, eine Smartphone App zu testen. So richtig viel hatten wir aber erst einige Zeit später miteinander zu tun, nämlich als wir in der Normung zusammengearbeitet haben.

    So sehr ich mich mittlerweile im Engagement für Barrierefreiheit und Inklusion und in der Normungsarbeit verwurzelt und mit den Menschen, die ich dabei kennenlernen durfte, verbunden fühle – freundlich und einfach war da am Anfang gar nichts. Erich Schmid war einer von denen, durch deren Unterstützung ich nicht untergegangen oder zusammengebrochen bin. Dabei war er nicht mit Superhelden-Cape und in Retter-Pose unterwegs. Er war einfach da. Unaufdringlich, sachlich und verlässlich. Immer kompetent, seriös und humorvoll zugleich. Ganz ungekünstelt, authentisch und selbstverständlich.

    Erich war Lehrer. Damit hat er sich ganz stark identifiziert und er hatte auch außerhalb der Schule durchaus eine „professorenhafte“ Art. In unserer Zusammenarbeit hätte er oft genug Gelegenheit gehabt, unangenehm lehrerhaft zu sein. Doch das war er nie. Niemals hätte er mir vermittelt, ich sei zu jung, zu unerfahren, zu weiblich oder zu sonst etwas, wodurch ich seinen Respekt nicht verdienen würde. Die Zusammenarbeit mit ihm war immer wertschätzend und auf Augenhöhe. Und ich bin sicher, dass er sich dazu nicht zwingen musste. Es wäre ihm einfach niemals in den Sinn gekommen, sich anders zu verhalten.

    Erich Schmid war 25 Jahre älter als ich. Er hätte mein Vater sein können. Ich bin in der glücklichen Lage, mit diesem Begriff aus meiner Erfahrung als Tochter ausschließlich Positives zu verbinden. Wärme, Güte, Weltoffenheit, Begeisterungsfähigkeit, starke Überzeugungen mit der Fähigkeit, sie zu hinterfragen und zu revidieren, Selbstbewusstsein ohne jegliche Arroganz und mit genau der richtigen Dosis Selbstironie und Bescheidenheit, ein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit, bedingungsloses Wohlwollen anderen gegenüber, ohne darauf zu verzichten, sich leidenschaftlich aufregen zu können, wenn es angebracht ist – das alles sind Eigenschaften, die meinen eigenen Vater ausgemacht haben und für die ich ihn geschätzt habe. Erich habe ich in vielerlei Hinsicht ganz ähnlich erlebt.

    Vor wenigen Monaten habe ich in einem Saal voller Menschen irgendwo Erichs Stimme gehört. Mit einem Mal hat sich alles vertrauter angefühlt. Wir haben uns privat nicht gut gekannt, aber den Teil meiner Welt, in dem er vorgekommen ist, hat Erich maßgeblich ausgemacht. Er war ein fixer Bestandteil meines Lebens, wie ich es kenne.

    Seit ich mit Erich zusammengearbeitet habe, kann ich das Wort „Grundprinzip“ nicht mehr schreiben, ohne das „Grund“ wegzustreichen, weil er es nicht lassen konnte, in einer Normungssitzung ausführlich zu erklären, dass das Wort „Prinzip“ nichts anderes bedeute als „Grundsatz“ und die Doppelung nahezu verwerflich sei.
    Von ihm weiß ich, dass ich am Tag der Unterzeichnung der UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen Geburtstag habe. Und darauf bin ich ebenso ungerechtfertigt stolz, wie er es wahrscheinlich darauf wäre, dass sein Todestag ausgerechnet der internationale Tag der Menschen mit Behinderungen war.

    Später bei der Veranstaltung in dem menschengefüllten Saal – es war das letzte Mal, dass ich mit ihm gesprochen habe – hat Erich auf die Frage, wie es ihm geht, zunächst einmal zu mir gesagt: „Wenn Du etwas schreibst, dann werde ich es sicher lesen. Aber schick‘ es bitte über den Donaukurier, weil auf Deiner Webseite gehe ich nicht danach suchen.“ Worüber ich damals vor hatte zu schreiben, war etwas ganz anderes. Aber bevor ich das tun kann, musste ich nun über Erich schreiben. Und ich tue es nicht zuletzt deshalb, weil er versprochen hat, er würde es lesen.